tharpaland sommerswalde meditation

 

Inneres Licht in pechschwarzer Nacht 

Meditationsabende im Tharpaland Sommerswalde zeigen Weg zu mehr Gelassenheit 

 

Die Sonne ist längst untergangen. In tiefem Blau steht ein wolkenloser Himmel hinter dem eindrucksvoll in weiß hervorstechenden Schloss Sommerswalde. Von innen heraus erhellt warmes Licht die in der Dämmerung versinkenden angrenzenden Bäume. Nicht nur die erleuchteten Fenster laden ins Innere des Anwesens ein. Bereits am Grundstückseingang hängt der Geruch von Räucherkerzen schwer in der feuchten Herbstluft und erinnert Besucher daran, dass sie auf dem Weg zu einem besonderen Ort sind, der sie mit seiner stillen Präsenz spürbar dazu auffordert, ruhig zu werden, in sich zu gehen und ihre Alltagssorgen gewissermaßen an der Pforte zurückzulassen.

In Sommerswalde befindet sich das internationale Retreat-Zentrum Tharpaland. Nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen öffnete hier im September 2008 das Kadampa Meditationszentrum Deutschland. Seither gibt es im Schloss Sommerswalde Meditationen, buddhistische Studienprogramme, Wochenendkurse und sogenannte Retreats – spirituelle Rückzugspausen vom Alltag, in denen sich der „Retreater“ für eine bestimmte Zeit ins Schweigen zurückzieht, um sich besser auf seine spirituelle Praxis konzentrieren zu können. „Seit September 2013 trägt das Schloss Sommerswald den Namen Tharpaland International Retreat Centre e.V. und bietet als buddhistisches Zentrum der Neuen Kadampa Tradition Möglichkeiten zum Retreat“, erklärt die Geschäftsführerin Annette Mai. Auf dem Anwesen leben sowohl Ordinierte als auch Laien zusammen. „Ich bin zum Beispiel verheiratet und lebe hier mit meinem Mann. Unser Dharma-Zentrum ist für jeden offen, der sich spirituell weiterentwickeln möchte“, erklärt die praktizierende Buddhistin. Ganz in diesem Sinne sind Interessierte regelmäßig donnerstags um 19 Uhr in den prunkvoll gestalteten Tempel, der einst als Ballsaal fungierte, eingeladen, um bei den Mönchen und Nonnen vor Ort meditieren zu lernen. „Meditation für alle. Lass Deinen Stress los und lerne leicht zu leben“, lockt der Flyer, auf dem eine losgelöst lachende Frau ein Bündel bunter Luftballons freudig in den mit Schäfchenwolken verzierten strahlend blauen Himmel hält. Sechs Euro kostet die Teilnahme, zu der sich an diesem Donnerstagabend fünf Besucher entschlossen haben. Zwischen ihnen und dem Aufsteigen mentaler farbenfroher Ballons steht häufig eine ganz besonders unangenehme Emotion: Wut. „Beschütze Dich vor Wut“ ist der Abend überschrieben, der sich in den Themen-Monat „Lebe ohne Wut“ eingliedert.

Ein sanftes Lied erklingt zur Einstimmung auf den Meditationsabend aus modernen Lautsprechern. Der Text dieses „Befreienden Gebets“, das zugleich eine Lobpreisung des Buddha Shakyamunis ist, wird jedem Teilnehmer auf einem lachsfarbenen leicht perlmutt schimmernden Kärtchen zur Verfügung gestellt. Ein abgedrucktes Blumenornament neben den acht Strophen wirkt zugleich beruhigend und stimmt froh. Ähnlich gelagert sind die Empfindungen, die der Text evoziert, der landläufig bekannten christlichen Lobpreisungen nicht unverwandt scheint – obgleich diese in Kirchen selten auf so fein und mit Liebe zum Detail angefertigten Karten daherkommen: „Mit gefalteten Händen wende ich mich an dich, höchster, beständiger Freund, aus der Tiefe meines Herzens bitte ich dich: Bitte gibt mir das Licht deiner Weisheit, um die Dunkelheit meines Geistes zu vertreiben.“

Das Lied geht langsam zu Ende und die ordinierte Mönchin Kelsang Sila nimmt im Schneidersitz auf einem Thron vor der kleinen Gemeinde statt. Hinter ihr befindet sich ein imposanter Schrein mit buddhistischen Gottheiten, deren bunte an Kitsch grenzende Farbgebung das Herz jeden Pop-Art-Fans höher schlagen lassen kann. Auch die Opfergaben sind in Teilen weniger traditionell als erwartet: extragroße Packungen von Rittersport-Alpenmilch schieben sich prominent ins Blickfeld. Falls die Wirkung der wohl intentionierten Meditation mal wieder länger dauert, ist Schokolade ja in der Tat meist eine gute Zwischenlösung. Ob der Geist Buddhas, der symbolisch in Form einer überlebensgroßen gelassen sitzenden Statue anwesend ist, das allerdings auch so sieht, ist fraglich. Schließlich soll die innere Einkehr, und nicht irgendwelche äußeren Ersatz-Hilfsmittel, zum ersehnten Frieden führen – und dabei helfen sich zu fokussieren, statt ständig abzuschweifen. Also schnurstracks zurück zum Thema: Meditation gegen Wutgefühle.

Lehrerin Sila startet mit einer kurzen Meditationseinweisung, bei der die Konzentration aufs Ein- und Ausatmen gelenkt wird. Die Teilnehmer sitzen bequem aufrecht auf Stühlen, nur einige Mönche und Nonnen sitzen im vorderen Teil des Raumes im Meditationssitz auf dem Boden. Sila fordert dazu auf, nur den Atem zu beobachten und mit Konzentration auf die Nasenspitze zu spüren, wie dieser fließt. „Lasst ablenkende Gedanken einfach wie Wolken am Himmel vorbeiziehen“, so die erste Anleitung zum inneren Loslassen. Aktiver wird die Auseinandersetzung mit den verinnerlichten negativen Befindlichkeiten im nächsten Schritt: „Beim Ausatmen die Probleme des Tages, der Woche oder die seit langer Zeit bestehen in Form von dunklem Rauch ausatmen. Dieser Rauch löst sich vor uns im Raum auf.“ Auf Regen folgt Sonnenschein, um ein inspirierendes bildliches Klischee zu bedienen. Entsprechend werden die Meditierenden anschließend  aufgefordert, sich bei ihrer Einatmung vorzustellen, dass helles klares Licht in ihren Körper und Geist strömt, das angefüllt „mit allen positiven Energien wie Frieden, Harmonie, Liebe und innerer Ruhe“ ist. Sila empfiehlt, diese kurze einfache Meditation dreimal täglich durchzuführen, damit das Gefühl von Ruhe und innerer Kraft, das nach regelmäßiger Praxis dazu führen soll, sich nicht so schnell von außen ablenken zu lassen und Konflikte gelassener zu ertragen, über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten wird.

Mit ihrer warmen harmonisch klingenden Stimme nimmt Sila ihre Zuhörer im Anschluss an die Meditation mit auf eine philosophisch-religiöse Reise, bei der sie den Gefühlen der Wut, des Unwohlseins, der Ungeduld auf den Grund geht. Bedächtig, Gedanken für Gedanken abwartend, spricht sie über das kleine Gefühl der Gnatzigkeit, das bereits anzeigt, „irgendetwas stimmt hier nicht“, bis hin zu dem übermächtig großen Gefühl des Wutentbrannt-Seins, das sich im schlechtesten Fall wie ein Gewitter entlädt. „Wichtig ist dabei zu erkennen, dass die Wut tatsächlich wie ein Gewitter am Himmel erscheinen kann, dass es jedoch nie die Kraft haben wird, den Himmel zu zerstören“, gibt Sila auch dem hartnäckigsten Choleriker einen Hoffnungsschimmer darauf, dass sich mit der richtigen inneren Einstellung der Himmel in Zukunft nicht regelmäßig mit schwarzen Wolken zuziehen muss.

Mit einem breiten zufriedenen Lächeln im Gesicht zeigt die einstige Schauspielerin, Logopädin und Mutter dreier Kinder, Lösungswege auf, die ihre geistigen Vorbilder empfehlen. An zentraler Stelle steht dabei das Thema Geduld. Im Kern heißt das buddhistische Verständnis von geduldig sein, Leid zu ertragen, Negatives anzunehmen und keine Vergeltung zu verüben. „Geduld können wir erlernen, Schritt für Schritt. Wir können unseren Geist nach und nach damit vertraut machen, anders zu reagieren, als wir es gewohnt sind. Dabei hilft die Meditation“, erklärt Sila in ihrem Vortrag. Denn durch das Finden der inneren Gelassenheit und Stärke durch die Meditation, ließen sich auch negative Vorkommnisse im Außen leichter ertragen oder verschwinden ganz aus dem Erfahrungshorizont: „Der Schmerz ist wie ein geistiges Verkrampfen, ein Festhalten. Das lässt uns krank werden. Wenn wir uns gegen Probleme wehren, werden sie nur größer. Wenn wir sie hingegen anschauen und weglegen, gibt es sie bald nicht mehr.“

Nach dem Meditationsabend gibt es noch eine gemütliche Zusammenkunft bei Tee und Keksen, bei dem Ansatzpunkte aus dem Vortrag besprochen werden. Zeit ist inzwischen irrelevant geworden: aufmerksam im Moment sein, auch das ein Ziel von Meditation, das sich nach der Einführung gleich eingestellt hat. Huch, inzwischen ist es 9.30 Uhr, zweieinhalb Stunden sind wie im Flug vergangen. Nach und nach strömen die Besucher hinaus in die tiefschwarze Nacht zu ihren Autos, deren Scheinwerfer stellvertretend für ihre nach Erleuchtung suchenden Fahrer die Dunkelheit für einen Augenblick mit Licht erfüllen.

 

Artikel erschienen im Oranienburger Generalanzeiger, Hennigsdorfer Generalanzeiger und der Gransee Zeitung am 29. Oktober 2014